Willensfreiheit: haben wir einen freien Willen?

Hirnaktivitäten, auch die zum freien Willen können mittels Messun per FMRT nachverfolgt werdenEine Frage, dich mich schon vor Jahren beschäftigt hat: verfügt der Mensch tatsächlich über Willensfreiheit oder ist das eher illusorisches Wunschdenken? Kann ich überhaupt wollen, was ich will? Entscheide ich mich für das längst Gewollte? Der geneigte Leser merkt, heute geht es wieder etwas philosophischer zu, um den eher weltlichen Themen wie Internet Marketing, SEO und WordPress in diesem Blog ein wenig Paroli zu bieten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – wobei ein gewisser Bezug zu den letztgenannten Bereichen freilich nicht ausbleiben kann:)

Haben Kaninchen auch eine freien Willen? Die Frage nach der Willensfreiheit ist eine durchaus unangenehme. Vermutlich würden die wenigsten Menschen ihren freien Willen in Frage stellen. Gängige Argumente würden etwa lauten: im Gegensatz zu meinem Kaninchen kann ich mich doch für oder gegen das Vertilgen einer Möhre entscheiden – mein Löwenmähnchen würde ganz seinem Instinkt folgen und drauflosnagen. Der geschulte Philosoph würde nun einschreiten und auf den Unterschied zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit hinweisen: bei der wahl pro oder contra Möhre handelte es sich eher um eine Frage nach der Handlungsfreiheit, aber wie steht es mit der Willensfreiheit?

Will ich oder will ich nicht (wollen)?

Der Mensch kann (vermutlich im Gegensatz zu den meisten Tieren) auch seinen Willen in Frage stellen. Harry Frankfurt würde auf einen Willen höherer Ordnung verweisen, auf die sogenannte Volition (zweiter Stufe) – quasi der Wille zum Willen. Kompliziert, kompliziert. Ein geschulter SEO bzw. Internet Marketer erkennt beispielsweise auf Anhieb den Affiliate-/Werbelink und kann sogar den Willen in Frage stellen, der zum gewinnbringenden Klick oder gar Kauf führen würde. Doch selbst dieses werbeerfahrene Volk kann beeinflusst werden, der Wille gebannt, das Verhalten gesteuert werden – ob bewusst oder unbewusst sei einmal dahingestellt. Doch ich schweife ab.

Hirnaktivitäten, auch die zum freien Willen können mittels Messun per FMRT nachverfolgt werdenIch möchte zunächst einmal auf das bekannt gewordene Libet-Experiment zu sprechen kommen, das vor etwa drei, vier Jahren neu aufgelegt wurde: teils sehr erfahrene Neurowissenschaftler haben dabei mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (FMRT) versucht empirisch nachzuweisen, dass bewusste Handlungsentscheidungen des Menschen schon bis zu zehn Sekunden vorher von bestimmten  Hirnregionen vermutlich unbewusst beeinflusst werden.

Foto: „Positron emission tomography image of a human brain“ von BlatantNews.com (unter einer Creative Commons Lizenz).

Manch ein Wissenschaftler ist anschließend zu dem radikalen Schluss gekommen, dass es gar keine Willensfreiheit für den Menschen geben kann. Doch meiner Meinung nach geht es bei dem Experiment von Haynes & Co. noch lange nicht um komplexe menschliche Entscheidungen – in diesem Fall wurde lediglich mit dem linken oder rechten Zeigefinger auf einen Knopf gedrückt.

Gemessen wurde, wann und wo das in bestimmten Hirnarealen vorweggenommen wird. Das ist u.a. im supplementären motorischen Kortex (SMA) der Fall, was eben Benjamin Libet im Zusammenhang mit dem sogenannten Bereitschaftspotential herausgefunden haben wollte; und nun auch im präfrontalen Kortex und parietalen Scheitellappen (Precuneus). Doch was heißen diese kryptischen Ausführungen nun?

Folgerungen für SEOs, Affiliate Marketer und Shopbetreiber

Zum einen nicht, dass wir keine Willensfreiheit haben. Aber dass unsere Entscheidungen durchaus von neuronalen Prozessen beeinflusst werden, derer wir uns vermutlich nicht bewusst sind. Das ist gewissermaßen ein „alter Hut“, doch untermauert es auch bestimmte Aussagen der Werbepsychologie, die wiederum für SEOs und Internet Marketer interessant sein dürften. Eine kleine Sammlung von mittelbaren Folgerungen meinerseits wäre etwa:

  • sollte ich einen Online Shop besitzen oder als Affiliate Produkte verkaufen wollen, dann muss ich dem potenziellen Kunden auch (unbewusst) klar machen, dass er diese Produkte auch braucht und ihnen eine gewisse Wichtigkeit verleihen; das schafft man zum Beispiel durch eine prominente Verlinkung im Shop auf der Startseite selbst oder im kleinen Affiliate Blog etwa oben in der Sidebar. Anwenden würde ich dies vor allem bei den Produkten, die ohnehin oft gekauft werden – denn diese scheinen „von Haus aus etwas zu haben“.
  • Positiv beeinflusst werden können mögliche Kaufentscheidungen sicher auch durch Dinge, die das Vertrauen der Besucher herstellen, wie zum Beispiel ein „Trusted Shops“ Button, der Hinweis, dass auch mit Paypal und nicht nur mit Kreditkarte gezahlt werden kann, irgendwelche Testimonial-Sprüche (aber bitte nicht die ganz billigen), positive Kundenbewertungen in Form von Sternchen etc. pp.
  • auf Websites generell gut recherchierte Inhalte, die auf Seriösität schließen lassen und dafür sorgen, dass die Besucher gerne wieder kommen.  Bei gewissen Vermarktungsformen, wo es lediglich um einen Klick auf die Werbung geht, kann das eine schwierige Gratwanderung werden: will ich, dass mein Besucher auf die Werbung klickt und meine Website verlässt oder will ich ihn lieber auf meinem Webauftritt halten und gleich zum Kauf eines Produktes überzeugen?

    Vermutlich wäre es besser, die Strategien voneinander zu trennen. Mein persönlicher Erfahrungsschatz ist da leider auch nicht so groß als dass ich da nachgerade wissenschaftliche Abhandlungen drüber schreiben könnte. Doch ich möchte künftig auch eher von dem PPC-Modell wegkommen.

  • wer übrigens generell Tipps in Sachen Affiliate Marketing (und vermutlich auch Shop-Optimierung) braucht, der sollte mal bei eisy.eu vorbei schauen. Dort gibt es hilfreiche Tipps und neulich wurde  in einem Artikel auf ein kostenloses eBook zum Thema „Konversionskiller“ aufmerksam gemacht; ich habe mir dieses bisher noch nicht durchgelesen, bin aber durchaus gewillt es noch zu tun;)
  • ich hätte an dieser Stelle übrigens auch gerne noch auf ein, zwei schöne Beiträge von doshdosh, verlinkt; doch mittlerweile scheint seine hervorragende englische Website rund um das Thema Internet Marketing und Webshops offline zu sein. Vielleicht werde ich es in künftigen Beiträgen schaffen, aus dem Gedächtnis heraus hier einige seiner besten Tipps in weiteren Artikeln unterzubringen.

Weiterführende Literatur (zum Thema Willensfreiheit):

Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens, München Wien 2001.

Richard David Precht: Das Libet-Experiment. Kann ich wollen, was ich will, in: Wer bin ich – und wenn ja, wieviele?. Eine philosophische Reise, München 2007.

Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Leipzig 1819.

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13 Responses to Willensfreiheit: haben wir einen freien Willen?

  1. HorstNo Gravatar 30. Januar 2011 at 18:59 #

    Ich finde schon, dass wir einen freien Willen haben. Aber viele von uns sind geprägt von Angst vor den Konsequenzen, die das Ausleben unseres freien Willens vielleicht hätte. Je älter man wird, desto weniger wird man bereit sein, gewisse Risiken auf sich zu nehmen. Wir halten uns an Konventionen, weil diese uns Sicherheit geben. Wenn auch nur vermeintliche. Wenn ein Job mich ankotzt, werde ich ihn nicht hinwerfen, ohne zu wissen, dass ich innerhalb einer gewissen Frist einen neuen (möglichst gleich- oder besserdotierten) antreten kann. Was wir aber in uns selbst mit dieser „Selbstbeschränkung“ anrichten, steht im Hintergrund. Einen starken Willen entwickeln viele Menschen erst, wenn der Leidensdruck richtig hoch ist. Ich denke ans Rauchen oder an Diäten. Und selbst die dann getroffenen Maßnahmen sind nicht nachhaltig, sondern oft nur von kurzer Dauer. Aber dafür sind wir eben Menschen. Viele von uns sind wie Blätter im Wind.

  2. gentle.rockerNo Gravatar 30. Januar 2011 at 21:12 #

    Hallo Horst,

    vielen Dank für den differenzierten Kommentar. Das mit den Gewohnheiten wie Rauchen oder übermäßiges Naschen ändern ist so eine Sache; diese kann man sicher nur dann ändern, wenn man gleichzeitig auch Strukturen ändert, was Monate dauern kann. Ich denke mal, dass es sich so mit vielen Dingen verhält: wer eine Sache wirklich will, muss viel mehr tun, als sie einfach nur wollen. Es braucht dazu schon einen langfristig angelegten Plan mit konkreten (Teil-)Zielen; ansonsten kann es schwierig werden. Wenn man ein wenig in die Neurowissenschaften schnuppert, dann lernt man, dass es schon seine Zeit braucht, bis neue neuronale Netzwerke im Hinterstübchen entstehen bzw. intensiviert werden, um auch neue Ziele besser anstreben und umsetzen zu können.

    Hin und wieder ist es sicher nicht verkehrt, gewisse Konventionen in Frage zu stellen. Konkret kamen mir neuerdings mehrere Fälle von Bekannten unter, die schlichtweg ausgebrannt sind/waren, aber trotzdem weitermachen, da sie um ihren Job fürchten. Manchmal sind die persönlichen Umstände derart, dass man auch schwerlich Alternativen wählen kann; doch wenn es um körperliche Gesundheit geht, dann muss es irgenwo Grenzen geben.

    Viele von uns sind wie Blätter im Wind. Doch ein wenig die Flugbahn steuern können wir meistens auch:)

  3. CoraNo Gravatar 31. Januar 2011 at 19:27 #

    man müsste den begriff mal definieren, dahinter steckt halt eine sehr idealistische vorstellung. realistisch betrachtet hat man höchstens eine gewisse wahlmöglichkeit zwischen vorgegebenen alternativen, von einer „freiheit“ des willens kann man da nicht sprechen…
    1. weil das gesamte dasein an sich determiniert ist
    2. weil der mensch viel mehr von unbewussten motiven, trieben, ererbten und erlernten verhaltensmustern etc. gesteuert wird, als er denkt… also ich glaub willensfreiheit ist eine scheinfreiheit, so wie vieles andere, was sich der mensch so zusammengereimt hat 😉

  4. gentle.rockerNo Gravatar 31. Januar 2011 at 19:32 #

    …man merkt, dass Du philosophisch vorbelastet, aber durchaus auch der Physik nicht abgeneigt bist;) ich denke ebenso, dass es eher eine Frage ist, wie man auf seine Determiniertheit Einfluss zu nehmen lernt. Willensfreiheit zu definieren haben schon größere Köpfe (vergeblich) versucht; mir reicht es schon, hin und wieder „nein“ zu sagen, auch wenn es bisweilen schwer fällt…

  5. CoraNo Gravatar 31. Januar 2011 at 19:46 #

    mir steht der philosoph. materialismus einfach näher als der idealismus 😉 naja, ich denke man kann auf seine deterniniertheit keinen grundsätzlichen einfluss nehmen. du kannst dich z.b. als lebender i.d.r. noch zwischen leben und tod entscheiden, aber ist das wirklich eine „freie wahl“? wenn eigentlich nur zwei parteien zur verfügung stehen? 😛 genauso wenn du öfter „nein“ sagst, die alternative wäre nämlich nur, „ja“ zu sagen, oder die entscheidung mit „ich weiß nicht“ zu verzögern… die antworten sind immer schon vorgegeben, du kannst sie dir nicht wirklich frei aussuchen. ich finde diese tatsache okay und man muss sie wohl akzeptieren, man kann nur für sich versuchen, die jeweils bessere wahl von, wie gesagt vorgegebenen alternativen zu treffen…

  6. CoraNo Gravatar 31. Januar 2011 at 19:50 #

    deterniniertheit 😛

  7. gentle.rockerNo Gravatar 31. Januar 2011 at 19:53 #

    😀

  8. gentle.rockerNo Gravatar 31. Januar 2011 at 19:58 #

    Hmmm, mich würde mal interessieren, wie genau Dein philosophischer Materialismus mit einen anthropologischen Determinismus, der ganz stark am physikalischen orientiert ist, zusammenhängt; da merke ich wieder mal, wie wenig ich eigtl. weiß^^. Aber es gibt doch auf jeden Fall noch ein paar Abstufungen zwischen Leben und Tod, ja und nein – auch wenn das nur graduelle Unterschiede sind; doch oftmals sind es gerade die kleinen Unterschiede, die interessant sind.

  9. CoraNo Gravatar 31. Januar 2011 at 20:15 #

    ich hab grad den fehler gemacht und versucht mir den wiki-artikel zu willensfreiheit durchzulesen und jetzt check ich gar nix mehr :O

  10. gentle.rockerNo Gravatar 31. Januar 2011 at 20:45 #

    So gings mir anfangs bei dem Buch von P. Bieri; aber mittlerweile glaube ich zumindest, einige Stellen verstanden zu haben. Interessant sind sicher auch die Ausführungen Aristoteles´zur Akrasia

  11. CoraNo Gravatar 31. Januar 2011 at 22:53 #

    interessant, habs aber nur eher überflogen.. ich finds eigentlich eher logisch, dass es sowas wie akrasia gibt. rein aus psychologischer sicht ist man halt von einer vielzahl von stärkeren und schwächeren motivationen, bewertungen über den handlungserfolg, erwartungshaltungen etc. getrieben. diese ganzen faktoren haben einen einfluss darauf, ob und wie man bestimmte handlungen ausführt. gibts auch ganz viele modelle in der psychologie und ist ne komplizierte geschichte. diese grundannahme ist zu simpel: „Wenn Gründe Ursachen für Handlungen sind, dann sollte der bessere Grund die stärkere Ursache für eine Handlung sein.“ –> gibt ja nicht unbedingt bessere oder schlechtere gründe, halt verschiedene, hinter denen ganz unterschiedliche motivationen und vorstellungen stehen und die stechen sich dann gegenseitig aus und man entscheidet sich am ende schon mal für was irrationales. aber vermutlich raff ich das problem grad einfach nicht in der tiefe mit meiner küchenpsychologie und -philosophie 😛

  12. gentle.rockerNo Gravatar 31. Januar 2011 at 23:17 #

    Ich habe mir den Artikel ehrlich gesagt noch gar nicht angesehen; würde vermutlich auch eher nicht den Wikipedia-Eintrag dazu lesen, sondern dann doch eher ins Historische Wörterbuch der Philosophie (HWPh) schauen; ich kann ja irgendwann mal darüber ein paar Zeilen schreiben, wenn ich mit der Lektüre durch bin. Dein „Profilbild“ kannst Du übrigens hier ändern;)

  13. CoraNo Gravatar 1. Februar 2011 at 09:26 #

    mach das 🙂 ansonsten können wir auch mal wieder mit nem vino (pseudo?-)philosophieren 😛 ich als hobbyphilosoph vertrau da ganz auf deine akademische quellenkenntnis 😉

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